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Heidi
Tut ils texts

Warum die Schweiz ihre Mundarten behalten hat

Ein Land von acht Millionen Menschen spricht Dutzende von Dialekten, während das grosse Nachbarland seine weitgehend aufgegeben hat. Das liegt nicht an den Bergen.

Quest text n'exista anc betg en rumantsch. Vus al legias en Deutsch

Wer aus Deutschland nach Zürich zieht, macht meist dieselbe Erfahrung: Deutsch gelernt, Deutsch geprüft, Deutsch gesprochen — und am Bahnschalter trotzdem nichts verstanden. Die naheliegende Erklärung lautet, die Schweiz sei eben gebirgig und abgelegen gewesen, und in abgelegenen Tälern hielten sich alte Formen. Das klingt gut und erklärt wenig. Österreich ist mindestens so gebirgig. Norwegen auch. Und die dichtesten Mundartunterschiede der Schweiz liegen nicht in den Alpen, sondern im flachen Mittelland zwischen Basel, Bern und Zürich.

Die interessantere Frage ist nicht, warum die Schweiz ihre Mundarten behalten hat, sondern warum Deutschland aufgehört hat, seine zu sprechen. Denn das ist die Abweichung. Ein Dialektkontinuum über ganz Mitteleuropa war der Normalzustand; eine Bevölkerung, die im Alltag eine überregionale Schriftsprache spricht, ist die Neuerung.

Zwei Sprachen, zwei Aufgaben

Was die Deutschschweiz hat, heisst in der Sprachwissenschaft Diglossie: zwei Varietäten derselben Sprache mit klar getrennten Aufgaben. Gesprochen wird Mundart — von allen, in jeder Schicht, im Regierungsrat wie auf dem Bau. Geschrieben wird Hochdeutsch: Gesetze, Zeitungen, Schulbücher, der Brief an die Versicherung. Ferguson hat das Muster 1959 benannt, und die Deutschschweiz war einer seiner vier Fälle, an denen er es beschrieb.

Entscheidend ist, was Diglossie nicht ist. Sie ist kein Gefälle zwischen gebildet und ungebildet. In Deutschland wurde Dialekt zur Markierung — ländlich, wenig gebildet, etwas zum Ablegen. In der Deutschschweiz ist die Mundart die unmarkierte Normalform des Sprechens, und Hochdeutsch das Markierte: Wer im Gespräch unter Einheimischen Hochdeutsch spricht, signalisiert damit etwas, meist Distanz oder dass jemand Auswärtiges dabei ist.

Der Unterschied zu Deutschland ist nicht, dass hier mehr Dialekt gesprochen wird. Er ist, dass Dialekt hier nichts über die Herkunft aus der Unterschicht aussagt.

Wie es dazu kam

Die Arbeitsteilung ist alt. Die Reformation brachte den Druck und mit ihm eine überregionale Schriftsprache, die sich in der Deutschschweiz als Schriftsprache durchsetzte, ohne die gesprochene zu verdrängen. Was in anderen deutschsprachigen Gebieten folgte — ein Hof, eine Hauptstadt, eine Bühne, die einer gesprochenen Norm Prestige gaben —, fehlte hier. Die Eidgenossenschaft hatte keinen Fürstenhof, keine Residenzstadt und bis 1848 nicht einmal eine Hauptstadt. Es gab schlicht keinen Ort, dessen Aussprache die anderen hätten nachahmen sollen.

Im 19. Jahrhundert kam der zweite Unterschied dazu. Anderswo machte die Nationalstaatsbildung aus der Schriftsprache eine gesprochene: Schule, Kaserne, Verwaltung und Eisenbahn verbreiteten eine Norm, an der sich die Mundarten abschliffen. Die Schweiz baute ihren Staat auf dem umgekehrten Prinzip auf. Wo Zuständigkeit bei den Kantonen bleibt — und die Schule blieb dort —, gibt es keine Stelle, die eine gesprochene Norm durchsetzen könnte, selbst wenn jemand es gewollt hätte.

Und dann, im 20. Jahrhundert, hatte das Hochdeutsche in der Schweiz ein Problem, das es anderswo nicht hatte: Es war die Sprache des grossen Nachbarn, und der grosse Nachbar wurde zur Bedrohung. In den 1930er- und 1940er-Jahren stellte sich die Geistige Landesverteidigung ausdrücklich die Aufgabe, das Eigene gegen das Deutsche abzugrenzen — mit Radio und Film als wichtigsten Mitteln. Es wäre zu einfach zu sagen, die Mundart sei damals erfunden oder gerettet worden; gesprochen wurde sie ohnehin. Aber in genau dieser Zeit wurde aus einer Selbstverständlichkeit ein Bekenntnis.

Was danach kam, ist gut dokumentiert: Die Mundart wanderte in die Bereiche, aus denen sie in Deutschland verschwand. Radio und Fernsehen senden sie, Werbung nutzt sie, Lehrerinnen sprechen sie im Schulzimmer neben dem hochdeutschen Lehrbuch. Das Historische Lexikon der Schweiz beschreibt das Ergebnis als Mediendiglossie — die Arbeitsteilung hat die Massenmedien nicht überlebt, sondern sie erobert.

Und Österreich?

Österreich ist der Gegentest, und er spricht gegen die Berge. Die bairischen Mundarten Österreichs sind lebendig, aber Wien war jahrhundertelang Residenz und Reichshauptstadt, und eine Hauptstadt mit Hof erzeugt eine gesprochene Norm, an der sich das Land ausrichtet. Genau das, was der Eidgenossenschaft fehlte, hatte Österreich im Übermass. Liechtenstein hingegen — alemannisch, klein, ohne eigenes Zentrum — verhält sich wie die Schweiz.

Daraus lässt sich ein Muster vermuten: Nicht die Topographie erhält Mundarten, sondern das Fehlen eines Zentrums, das eine gesprochene Norm ausstrahlt. Wir halten das für plausibel und nennen es hier ausdrücklich eine Vermutung. Es ist ein Satz über politische Geschichte, nicht über Laute, und die Quellen unten decken die Sprachsituation ab, nicht die Kausalität.

Und warum Sie trotzdem nichts verstehen

Weil diese Geschichte einen Nebeneffekt hat: Es gibt keine richtige Schreibweise. Eine Sprache, die nie verschriftlicht werden musste, hat nie eine Rechtschreibung bekommen. Dasselbe Wort schreiben zwei Leute unterschiedlich, und beide haben recht — weshalb Heidi Ihnen nie sagt, Ihre Schreibweise sei falsch, sondern nur, wie wir sie schreiben. Mehr dazu auf der Methodenseite.

Und weil die Grenzen mitten durchs Land laufen, nicht um es herum:
  • KindChindBasel, und alles südlich davon
  • schneieschniieMittelland, und die Alpentäler
  • gällgäuZürich, und Bern

Welche Mundart wo gesprochen wird und woran man sie erkennt, steht auf der Mundartseite. Zürichdeutsch lernen Sie hier — und Heidi sagt Ihnen, wenn eine Form aus einem anderen Tal stammt, statt so zu tun, als gäbe es nur eine.

Funtaunas